Szenen aus dem Dienstalltag der Alten Armee - Kavallerie - Attacke
Noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ging die Mehrheit der Militärs von der traditionellen Rolle der Kavallerie in einem etwaigen Kriegsgeschehen aus.
Aus diesem Grunde wurden Attacken gegen Kavallerie oder gegen Infanterie bzw. Artillerie geübt und gehörten zur Szenerie der großen Kaisermanöver in der Friedenszeit.
Das Exerzier-Reglement für die Kavallerie vom 03.04.1909 (Berlin 1909) äußert sich hierzu auf den S. 73 ff.
Trat ein Regiment allein auf, attackierte es hierbei in der Regel in Linie, mit oder ohne Staffel. Bei der Attacke gegen Infanterie durften die Treffen einander nicht mit zu großen Abstand folgen.
Für den Fall, dass Kavallerie eine Artillerie-Stellung attackierte, sollte ein Treffenabstand die Tiefenwirkung eines einzelnen Schrappnellschusses (300 m) eingehalten werden.
Siegfried Fiedler zum problemtaischen Kiegsbild deutscher Reiterführer vor 1914.
Zu dieser in einem offensichtlichen Kontrast zur technischen voranschreitenden Militärtechnik stehenden Praxis ist bei Siegfried Fiedler, Kriegswesen und Kriegsführung im Zeitalter der Milliionenheere, Bonn 1993, S. 58 ff. das Nachfolgende zu lesen:
"Noch in den Jahren von 1905 bis 1913 vermehrte sich die Kavallerie um 17 weitere auf 110 Regimente, obwohl ihre Bedeutung im Zukunftskrieg fragwürdig erscheinen musste und es im Heer genug anderweitige Bedrüfnisse zu befriedigen galt. Die konservative Majorität der Reiterführer hielt aber unverändert daran fest, durch selbständige Aktionen in den gang der Kampfhandlungen eingreifen zu können. Sie rechnete immer noch mit realen Attacken-Chancen gegen Flanke und Rücken eines überraschten oder erschütterten Feindes. Gedankengänge, die bereits der Kieg von 1870/71 widerlegt hatte. In der Schlacht bestand angesichts der ungeheurlich gesteigerten Reichweite und Wirkung aller Feuerwaffen keine Gelegenheit mehr zur Massenattacke großer Kavallerieverbände. Allenfalls war das Gefecht zu Pferd noch in den Fällen vorstellbar, wo kleinere Einheiten plötzlich auf feindliche Reiterabteilungen stießen oder in Unordnung geratene Infanterie- oder Artillerieteile bzw. intakte Nachschubkolonnen anfallen konnten. Wie sollte sich Heereskvallerie, die das Exerzier-Reglement von 1909 als wichtigsten Gegner bezeichnete (Nr. 389 u. 392), noch aus dem Felde schlagen lassen, wenn es absolut sichere Miittel gab, jeden Reiterangriff zu zerschmettern...."
Fortsetzung.
Fortschrittlich Denkende, die an die Ausführbarkeit ohnehin nicht glaubten, sahen die Hauptaufgabe in der taktischen und operativen Aufklärung, die ausschließliche Kampfart großer Kavalleriekörper im Gefecht zu Fuß. Das wurde selbstverständlich geübt und die mit vollwertiger Schußwaffe (Karabiner 98) ausgerüstete Truppe stand in der Ausbildung kaum hinter der Infanterie zurück, doch wiesen hier die reglementarischen Bestimmungen nur die Nebenrolle zu (Nr. 389). Waren ab 1888 sogar die Kürassiere, dann ebenfalls die Dragoner und Husaren mit der Stahlrohrlanze bewaffnet, so sollte das nicht allein den Charakter der Einheitskavallerie unterstreichen, sondern auch das Voranstellen des Reiterkampfes. Es entsprach nachträglicher Einsicht in die Wichtigkeit des Fußgefechtes, wenn bei Kriegsausbruch jeder Kavallerie-Division ein Jägerbataillon zugeteilt wurde. Während der Vormarschbewegung an die Marne kam aber die deutsche Überlegenheit doch nicht zum Zuge. Die Gefechtskraft reichte nicht aus, weil die begleitenden Jäger nicht Schritt halten konnten und die leichte Munitionskolonne mit ihren schweren Bauernpferden ebenso, abgesehen von der Minderung durch die Handpferde....
Fortsetzung.
"Im übrigen bildete die Entwicklung der deutschen Reiterei vor 1914 keine Ausnahme. Die stolze Waffe besaß in allen europäischen Armeen noch ihr traditionelles Gewicht. Sie legte den Schwerpunkt entweder auf die Attacke oder auf das Fußgefecht; sie hoffte noch darauf, den Feldzug durch die Verfolgung entscheiden zu können und bevorzugte aus ritterlichen Instinkt gegenüber der Vernichtungsgewalt des heraufziehenden technischen Krieges den Kampf vom Rücken des Pferedes aus".
"Bei den großen Kaisermanövern, die stets im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses standen, haben in der "Schliefen-Zeit" die grandiosen Kavallerieschlachten ebenso der militärischen Selbstverwirklichung des Monarchen wie dem repräsenatativen Zweck der Erbauung des Publikums gedient. Zum Leidwesen aller Truppenpraktiker im Offizierkorps wurden allerdings utopische Gefechtsbilder als parademäßige Theaterstücke zur Schau gestellt. "Hier setzte (Schliefens) Nachfolger reformierend ein und gab der Friedenstätigkeit der deutschen Armee eine entschiedene Wenung um Realismus" (Storz, Kriegsbild und Realismus, S. 115)".
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