Die wirtschaftliche Bedeutung des Militärs für die Garnison Münster.
Nachfolgend soll die Bedeutung der militärischen Garnison für die Stadt Münster aufgeziegt werden. Münster war über einen langen zeitraum ein starker Truppenstandort. Zu klären ist, welche - positive oder negative - Auswirkungen dieser Umstand auf die Wirtschaft hatte. Diese Ausführungen ergänzen den Beitrag zur Stadt Münster als könoglich-preußische Garnison 1815 - 1918.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Militärs für Münster.
Die Geschichte Münsters als preußische Garnisonsstadt ist nicht allein eine Geschichte von Regimentern, Kasernen, Generälen und Manövern. Das Militär war zugleich ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor. Tausende Soldaten mussten untergebracht, ernährt, bekleidet und ausgerüstet werden. Pferde benötigten Futter und Stallungen, Kasernen mussten gebaut und unterhalten, Uniformen repariert, Stiefel gefertigt, Wagen beschlagen und Lebensmittel beschafft werden. Offiziere und Militärbeamte bezogen regelmäßige staatliche Einkommen und gaben einen Teil davon in der Stadt aus.
Je größer die Garnison wurde, desto stärker griff damit der preußische Militärhaushalt mittelbar und unmittelbar in die Münsteraner Wirtschaft ein.
Dabei wäre es allerdings zu einfach, das Militär ausschließlich als wirtschaftlichen Gewinn zu betrachten. Vor allem während des frühen 19. Jahrhunderts konnten Einquartierungen, Vorspanndienste und Truppendurchzüge erhebliche Belastungen verursachen. Die wirtschaftliche Beziehung zwischen Stadt und Garnison wandelte sich deshalb grundlegend: von der Einquartierungslast des Bürgers hin zu einer institutionalisierten Militärwirtschaft, von der zahlreiche Münsteraner Gewerbe profitierten.
Vom Quartierzwang zum dauerhaften Wirtschaftsfaktor.
Nach der endgültigen Eingliederung Westfalens in den preußischen Staat erhielt Münster eine herausgehobene militärische Stellung. 1820 wurde die Stadt Sitz des Generalkommandos des VII. Armee-Korps. Damit war Münster nicht lediglich Standort einzelner Truppenteile, sondern militärisches Verwaltungszentrum für einen großen Teil Westfalens und angrenzende Gebiete.
Die Garnison umfasste zunächst ungefähr 2.000 Offiziere und Mannschaften; nach der Heeresreform der 1860er Jahre waren es bereits mehr als 3.000. Für 1871 wird der Anteil des Militärs an der Münsteraner Bevölkerung mit nahezu zwölf Prozent angegeben. Das ist wirtschaftlich eine bemerkenswerte Größenordnung. Rechnet man Militärbeamte, Familienangehörige, Dienstpersonal und diejenigen hinzu, deren Erwerb unmittelbar oder mittelbar von der Garnison abhing, reichte die wirtschaftliche Wirkung noch erheblich weiter. Münster war also bis und auch nach der Reichsgründung ein truppenstarker Standort, allerdings sank der prozentuale Anteil des Militärs im Verhältnis zur stetig wachsenden Zivilbevölkerung. So schwankte der Anteil der Militärbevölkerung von 11 bis 14 Prozent nach den Einigungskriegen auf etwa 5 Prozent im Jahr 1910.
Zunächst bedeutete die Stationierung von Soldaten allerdings vor allem eine Belastung. Soldaten wurden in Bürgerhäusern einquartiert; bei Truppendurchzügen mussten Unterkunft, Verpflegung und teilweise Transportleistungen bereitgestellt werden. Gerade während der Befreiungskriege waren solche Leistungen keineswegs immer vollständig vergütet. Mit der dauerhaften Kasernierung änderte sich dieses Verhältnis.
Aus der kurzfristigen Belastung entwickelte sich zunehmend eine dauerhafte Nachfrage.
Der Sold, der in der Stadt ausgegeben wurde.
Der unmittelbarste wirtschaftliche Effekt der Garnison bestand in den regelmäßig ausgezahlten Bezügen. Natürlich verfügte ein einfacher Soldat nur über geringe frei verfügbare Mittel. Bei mehreren tausend Soldaten ergab aber selbst eine geringe individuelle Kaufkraft in der Summe eine beständige Nachfrage.
Anders sah es bei den Offizieren aus. Ein Regiments-, Brigaden- oder Divisionsstab brachte eine beträchtliche Anzahl besser besoldeter Offiziere nach Münster. Hinzu kamen die Angehörigen des Generalkommandos, Militärärzte, Intendanturbeamte, Zahlmeister, Veterinäre und andere Militärbeamte. Ein Teil dieser Personen lebte mit seinen Familien in Münster. Ihr Einkommen floss in: Wohnungsmieten, Lebensmittel, Kleidung, Möbel, Hauspersonal, Gaststätten, Cafés, gesellschaftliche Veranstaltungen und zahlreiche Dienstleistungen.
Das Militär brachte Münster damit etwas, das für eine Stadt ohne ausgeprägte Schwerindustrie besonders wertvoll war: regelmäßige, vom örtlichen Wirtschaftsverlauf relativ unabhängige staatliche Kaufkraft.
Soldaten als Kunden.
Auch der einfache Soldat blieb nicht ständig in der Kaserne. Ausgang bedeutete Konsum. Gastwirtschaften, kleinere Geschäfte, Tabakhändler, Bäcker und andere Gewerbetreibende fanden in den Soldaten eine große und regelmäßig erneuerte Kundschaft. Besonders anschaulich lässt sich dies an der 1898 bis 1901 errichteten Kürassierkaserne an der Steinfurter Straße beobachten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstanden die Gaststätten „Driesen“ und „Zum Kronprinzen“. Das ist ein kleines, aber ausgesprochen aussagekräftiges Beispiel für den wirtschaftlichen Zusammenhang:
Wo eine Kaserne entstand, entstand Nachfrage – und wo Nachfrage entstand, siedelte sich Gewerbe an. Das Militär veränderte damit sogar die gewerbliche Struktur einzelner Straßenzüge. Noch wichtiger als der private Konsum war die institutionelle Nachfrage des Militärs. Eine Garnison von mehreren tausend Männern musste täglich verpflegt werden. Benötigt wurden unter anderem Brot und Mehl, Fleisch und Wurst, Kartoffeln und Gemüse, Hülsenfrüchte, Milchprodukte sowie weitere Lebensmittel.
Nicht alles wurde unmittelbar bei Münsteraner Produzenten beschafft. Die Heeresverwaltung verfügte über geregelte Ausschreibungs- und Beschaffungsverfahren, und manche Lieferverträge gingen an auswärtige Unternehmen. Dennoch erzeugte die Garnison eine kontinuierliche Nachfrage, die über Händler und Lieferanten bis weit in das Münsterland ausstrahlte. Gerade das landwirtschaftlich geprägte Umland konnte hiervon profitieren.
Das Pferd als Wirtschaftsfaktor.
Von besonderer Bedeutung war die große Zahl von Militärpferden. Münster beherbergte Kavallerie und Feldartillerie; hinzu kam der Train. Pferde wurden außerdem von Stäben und für Transportaufgaben benötigt. Jedes dieser Tiere musste täglich versorgt werden. Damit entstand eine erhebliche Nachfrage nach Hafer, Heu und Stroh. Die wirtschaftliche Wirkung beschränkte sich wiederum nicht auf die Stadt. Bauern, Gutshöfe und Händler des Münsterlandes konnten als Lieferanten von Fourage auftreten. Hinzu kamen Sattler, Stellmacher, Schmiede und Hufschmiede.
Eine Kavalleriegarnison war deshalb nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich etwas anderes als eine reine Infanteriegarnison. Die um 1900 errichtete Kürassierkaserne verdeutlicht die Größenordnung. Zu ihrem Komplex gehörten nicht lediglich Mannschaftsgebäude, sondern umfangreiche Stallungen, Remisen, Reithallen, ein Krankenstall und eine Beschlagschmiede. Jedes Pferd bedeutete laufende Kosten – und damit laufende Aufträge, soweit die snicht eigenes militärisches Personal besorgte.
Handwerk und Militär.
Das Militär benötigte eine breite Palette handwerklicher Leistungen. Schneider arbeiteten an Uniformen, Schuhmacher an Stiefeln, Sattler an Lederzeug, Schmiede an Hufeisen und Beschlägen, Tischler an Möbeln und Ausstattungsgegenständen, Stellmacher und Wagenbauer an Fahrzeugen. Allerdings wandelte sich auch hier die Wirtschaftsstruktur.
Mit zunehmender Zentralisierung der Heeresversorgung wurden bestimmte Leistungen nicht mehr dezentral bei einzelnen Regimentern oder privaten Handwerkern eingekauft. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden bei den Armeekorps eigene Bekleidungsämter. Für das VII. Armee-Korps befand sich ein solches Amt in Münster. Die militärische Überlieferung weist dort ausdrücklich Schneider- und Schuhmacherwerkstätten, Lagergebäude, Remisen und eine Tischlerei aus.
Damit entstand etwas Bemerkenswertes: Das Militär war nicht mehr lediglich Auftraggeber des örtlichen Handwerks, sondern wurde teilweise selbst zu einem großen handwerklichen Arbeitgeber. Neben Soldaten beschäftigte die Militärverwaltung Beamte, Arbeiter und spezialisierte Handwerker.
Die Garnison als Arbeitgeber.
Dieser Punkt sollte meines Erachtens in dem Kapitel besonders hervorgehoben werden. Das Militär schuf in Münster nicht nur Arbeitsplätze für Soldaten. Zum militärischen Apparat gehörten Intendantur, Bekleidungsamt, Zahlstellen, Lazarett, Train-Depot, Artilleriedepot, Garnisonverwaltung sowie zahlreiche technische Einrichtungen. Für 1914 lassen sich in Münster neben dem Generalkommando und den eigentlichen Truppenteilen unter anderem Korpsgericht, Korpsintendantur, Sanitätsabteilung, Korps-Bekleidungsamt, Train-Depot und Zahlungsstelle nachweisen. Dahinter standen Arbeitsplätze, die überwiegend,m aber nicht nur durch militärisches Personal besetzt wurden.
Schreiber und Verwaltungsbeamte, Handwerker und Arbeiter, Krankenpflegepersonal, Fuhrleute und Stallpersonal sowie zahlreiche weitere Beschäftigte lebten zumindest teilweise von der militärischen Infrastruktur. Die wirtschaftliche Bedeutung der Garnison war daher erheblich größer, als es die bloße Zahl der Soldaten erkennen lässt.
Der Kasernenbau als Konjunkturprogramm.
Eine zweite große Wirkung ging von der militärischen Bautätigkeit aus. Zunächst behalf sich die preußische Militärverwaltung vielfach mit bestehenden Gebäuden. Die Säkularisation hatte zahlreiche ehemalige Klöster und kirchliche Einrichtungen verfügbar gemacht. Ein Stadtplan von 1839 weist bereits elf Militärbauten in oder unmittelbar an der Altstadt aus. Im Laufe des Jahrhunderts genügte diese Infrastruktur jedoch nicht mehr. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuche allerdings das Militär die Baukosten auf die Einwohnerschaft abzuwälzen, da sie sich ja von der lsätigen Quartierslast möglichst befreien wollte. Ein Beispiel dafür ist die Errichtung der Aegidiikasere (errichtet ab 1828), finanziert durch eine Mischfianzierung. Einen beträchtlichen Teil der Errichtungskosten brachte eine Aktiengesellschaft aufUm 1869 sollen nach Bernhard Sicken nur noch 100 Soldaten in Münster auf Bürgerquartiere angewiesen gewesen sein.
Militärische Bautätigkeiten.
Kasernen, Stallungen, Magazine, Lazarette, Werkstätten, Reitbahnen und Verwaltungsgebäude mussten errichtet, erweitert und instand gehalten werden. Das bedeutete Aufträge für Bauunternehmer, Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Tischler, Schlosser, Glaser und Fuhrunternehmen. Wie beträchtlich staatliche Investitionen in militärische Infrastruktur sein konnten, zeigt bereits der Reichshaushalt 1879/80: Allein für den ersten Bauabschnitt einer Dampfwaschanstalt für die Garnison Münster waren 50.000 Mark für Grundstückserwerb und Projektbearbeitung vorgesehen. Um die Jahrhundertwende nahm diese Bautätigkeit noch einmal erheblich zu.
Eine „Kasernenstadt“ entsteht.
Besonders sichtbar wurde dies im Norden Münsters.
Zwischen 1898 und 1901 entstand an der Steinfurter Straße die große Kürassierkaserne. Sie umfasste fünf mehrgeschossige Unterkunftsgebäude sowie Stallungen, Remisen, Reithallen, Schmiede, Wirtschafts- und Nebengebäude. Die Anlage war Teil eines systematischen Ausbaus Münsters als Garnisonsstandort. Artilleriekasernen und Artilleriedepot befanden sich ebenfalls in diesem Bereich.So entwickelte sich am nördlichen Stadtrand eine regelrechte „Kasernenstadt“.
Auch im Süden entstanden umfangreiche militärische Anlagen. Das Train-Bataillon benötigte Unterkünfte, Stallungen, Fahrzeuge und Magazine. Um 1910 wurde zwischen Habichtshöhe und Weißenburgstraße ein weiterer großer Komplex als Materiallager und für den Fuhrpark des Westfälischen Train-Bataillons Nr. 7 errichtet.
Das Militär wurde damit zu einem Faktor der Stadterweiterung.
Grundstücke und Bodenpreise.
Dieser Ausbau hatte zwangsläufig Auswirkungen auf den Grundstücksmarkt. Die Militärverwaltung benötigte große zusammenhängende Flächen für Kasernen, Stallungen, Depots und Übungsflächen. Flächen am damaligen Stadtrand wurden dadurch einer neuen Nutzung zugeführt. Schon 1827 hatte das Militär ca. 107 Hektar in der Loddenheide gekauft. Hier sollten größere militärische Übungen stattfinden. Dafür wurden dort auch Schießstände eingerichtet. Durch die moderne Waffenentwicklung reichten diese Flächen aber bald nicht mehr aus. Deshalb wurden ca. 120 Hektar beim hausspital und eine Fläche für einen modernen Schießlatz in der Coerheide erworben.Die Kosten für die Verlagerung (1818) des gefährlichen Kriegsmaterials - insbesondere Geschosse und Pulvermengen – aus der Innenstadt (Kreuzschanze) nach außerhalb der Stadt in die Mauritzheide (Pulvermagzin) musste die Stadt Münster tragen.1890 folgte die noch innerstädtisch verbliebene Fertigungs- und Lagerstätte für Munition nach.
Straßen mussten erschlossen und Versorgungsleitungen erweitert werden. In der Umgebung der Kasernen entstanden Wohn- und Gewerbenutzungen. Damit wirkte das Militär mittelbar auf Bodenwerte und Stadtentwicklung ein.Allerdings hatte dies auch eine Kehrseite: Große militärische Areale waren einer normalen städtischen Nutzung entzogen und bildeten teilweise Barrieren für die weitere Bebauung.Auch wirtschaftlich war die Garnison deshalb nicht ausschließlich ein Vorteil.
Wohnungen und Einquartierung.
Ein besonders deutlicher Wandel lässt sich bei der Unterbringung beobachten.Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wohnten Soldaten vielfach bei Bürgern. Für die Hausbesitzer konnte dies zwar Einnahmen oder Entschädigungen bedeuten, wurde aber häufig als Belastung empfunden.Mit dem Ausbau der Kasernen verschwand diese Form der Unterbringung zunehmend. 1896 waren bereits knapp 90 Prozent der preußischen Truppen kaserniert; die ältere Einquartierungspraxis spielte kaum noch eine Rolle.
Offiziere und verheiratete Militärangehörige blieben jedoch wichtige Teilnehmer am privaten Wohnungsmarkt. Gerade höhere Offiziere verfügten über Einkommen, die ihnen einen entsprechenden Lebensstandard ermöglichten. Sie mieteten Wohnungen oder Häuser, beschäftigten Dienstpersonal und nahmen am gesellschaftlichen Leben der Stadt teil.
Gaststätten, Cafés und gesellschaftliches Leben.
Die Grenze zwischen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung lässt sich hier kaum scharf ziehen. Offiziere besuchten Restaurants, Cafés und gesellschaftliche Veranstaltungen. Soldaten bevölkerten während des Ausgangs Gastwirtschaften.
Auch die Militärmusik wirkte in das zivile Leben hinein. Regimentskapellen spielten nicht nur bei militärischen Zeremonien, sondern auch bei öffentlichen und privaten Veranstaltungen.Damit entstanden wiederum Einnahmen für Gastwirte und Veranstalter. Das Militär brachte Menschen in die Stadt, die dort konsumierten.
Besucher und Manöver.
Hinzu kam ein heute leicht übersehener Faktor: militärischer Besuchsverkehr. Besichtigungen, Manöver, Offiziersversammlungen, Vereidigungen und andere militärische Veranstaltungen führten immer wieder auswärtige Offiziere, Reservisten und Angehörige nach Münster. Sie benötigten Unterkünfte und Verpflegung.
Davon profitierten Hotels, Gasthäuser, Fuhrunternehmen und später auch der städtische Nahverkehr. Besonders größere Manöver konnten kurzfristig eine beträchtliche zusätzliche Nachfrage erzeugen.
Die Eisenbahn und die Garnison.
Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes erhielt diese Entwicklung eine weitere Dimension. Truppen, Rekruten, Reservisten, Pferde, Ausrüstung und Versorgungsgüter mussten transportiert werden. Münster war dadurch nicht nur Garnisons-, sondern auch militärischer Verkehrsknotenpunkt. Der Eisenbahnanschluss erhöhte zugleich die strategische Bedeutung des Standortes. Im Mobilmachungsfall mussten innerhalb kürzester Zeit Tausende Männer und große Mengen Material bewegt werden.
Die Garnison erzeugte damit ihrerseits Verkehrsaufkommen und Nachfrage nach Transportleistungen.
Das Militär und das Münsterland.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Garnison endete nicht an der Stadtgrenze. Dies gilt besonders für die Versorgung mit Lebensmitteln und Pferdefutter. Das landwirtschaftlich geprägte Münsterland bildete hierfür ein natürliches Hinterland. Landwirtschaftliche Betriebe, Viehhändler, Getreidehändler und Fuhrunternehmen konnten von der militärischen Nachfrage profitieren. Damit bestand zwischen Garnison und Umland eine wirtschaftliche Wechselwirkung:
Die Stadt beherbergte Soldaten und militärische Einrichtungen – das Umland lieferte einen Teil dessen, was zu deren Versorgung benötigt wurde.
Eine staatlich finanzierte Nachfrage
In wirtschaftlicher Hinsicht besaß die Garnison für Münster noch einen besonderen Vorteil. Die Nachfrage des Militärs hing nicht unmittelbar von der örtlichen Konjunktur ab. Sold, Gehälter und Bauausgaben wurden letztlich aus staatlichen beziehungsweise Reichsmitteln finanziert. Damit floss Kaufkraft von außen nach Münster.
Das unterscheidet eine Garnison wirtschaftlich beispielsweise von einem Gewerbebetrieb, dessen Absatz selbst stark von der lokalen Wirtschaftslage abhängig sein konnte. Generalkommando, Division, Regimenter und militärische Behörden brachten kontinuierlich staatliche Mittel in die Stadt.
Gerade für das überwiegend von Verwaltung, Handel, Dienstleistungen und seinem Umland geprägte Münster dürfte dieser Effekt beträchtlich gewesen sein.
Aber auch Kosten und Belastungen.
Eine ausgewogene Darstellung darf die Gegenrechnung nicht vergessen. Die Garnison beanspruchte Flächen. Straßen wurden durch militärischen Verkehr und Pferde belastet. Große Kasernenkomplexe beeinflussten die Stadtentwicklung.In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen die Belastungen durch Einquartierungen hinzu.
Bei Manövern und Mobilmachungen konnten Pferde, Fuhrwerke und andere zivile Ressourcen in Anspruch genommen werden. Auch das Verhältnis zwischen militärischer und kommunaler Finanzierung von Straßen, Erschließung, Wasserversorgung und anderen Einrichtungen konnte zu Interessenkonflikten führen.
Deshalb sollte die Garnison wirtschaftlich weder als bloße Last noch als reines Geschenk des Staates verstanden werden. Sie war vielmehr ein dauerhafter Großverbraucher und Großarbeitgeber, dessen Anwesenheit erhebliche Vorteile brachte, zugleich aber Kosten verursachte.
Münster am Vorabend des Weltkrieges.
Bis 1914 hatte diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.Münster beherbergte nicht nur das Generalkommando des VII. Armee-Korps, sondern auch das Kommando der 13. Division, mehrere Brigadestäbe, das Infanterie-Regiment Nr. 13, das Kürassier-Regiment Nr. 4, das Feldartillerie-Regiment Nr. 22, das Train-Bataillon Nr. 7 sowie zahlreiche Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen. Dazu gehörten unter anderem Intendanturen, Gerichte, Sanitätsdienst, Bekleidungsamt, Train-Depot und Zahlungsstelle.
Aus der Garnison war damit ein militärisch-wirtschaftlicher Komplex geworden. Soldaten und Offiziere waren Verbraucher. Die Militärverwaltung war Arbeitgeber. Die Regimenter waren Großabnehmer. Die Kavallerie und Artillerie erzeugten Nachfrage nach Pferden und Fourage. Die Kasernenbauten brachten Aufträge für Bauwirtschaft und Handwerk. Militärangehörige und ihre Familien benötigten Wohnungen. Gaststätten und Geschäfte lebten von ihrer Kundschaft. Und das Deutsche Reich investierte erhebliche öffentliche Mittel in Gebäude und Einrichtungen, die in Münster errichtet und unterhalten wurden.
Abschließende Betrachtungen.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Militärs für Münster lässt sich deshalb nicht allein an der Zahl der stationierten Soldaten messen.
Um die Garnison herum hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein weit verzweigtes Geflecht aus staatlichen Ausgaben, privatem Konsum, Bauinvestitionen, Handwerksleistungen, Lebensmittelversorgung, Pferdehaltung, Transport und Dienstleistungen entwickelt.Die Garnison prägte nicht nur das Straßenbild Münsters. Sie beeinflusste Arbeitsmarkt, Handel, Handwerk und Stadtentwicklung.
Gerade darin liegt eine Besonderheit der preußischen Garnisonsstadt Münster: Sie war weder große Industriestadt noch Festungsstadt. Ihre militärökonomische Bedeutung beruhte vielmehr auf der Verbindung von Truppengarnison, Korpskommando und umfangreicher Militärverwaltung.
Als im August 1914 mobilgemacht wurde, trat diese über Jahrzehnte gewachsene Verbindung zwischen Stadt und Militär in eine völlig neue Phase. Aus dem Wirtschaftsfaktor der Friedensgarnison wurde nun eine Kriegswirtschaft – mit Ersatztruppen, Lazaretten, Beschaffung, Gefangenenlagern und einer immer stärkeren Einwirkung des stellvertretenden Generalkommandos auf das Wirtschaftsleben.
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Die militärische Seelsorge in der königlich-preußischen Garnison Münster
Mit der Besitzergreifung des ehemaligen katholischen Fürstbistums durch die Preußen gehörte Münster zukünftig zu einem Staatsgebilde, dessen Herrscherhaus und der überwiegende Anteil der Bevölkerung protestantisch waren. Außer in Oberschlesien gab es nur in der Rheinprovinz und in der Provinz Westfalen eine katholische Mehrheit. Hieraus erwuchsen auch in dem relativ toleranten Preußen Konflikte, die sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zeichen des Kulturkampfes noch verschärfen sollten. Der paritätische Gedanke wurde im preußischen Staat erst langsam entwickelt. Beamtenschaft und Militär waren überwiegend landfremd und zunächst noch mehrheitlich protestantisch. Für sie musste die Militärseelsorge gesichert werden.