Szenen des Krieges - Soldaten und Geschütze
Zu Beginn des Krieges wurde die Artillerie noch als Hilfswaffe angesehen, die tatsächliche Entwicklung zeigte aber rasch, dass es sich hierbei um einen überholten taktischen Ansatz handelte.
Die überwiegende Mehrzahl der europäischen Militärs betrachtete nach wie vor die Infanterie als Hauptwaffe, die Rolle der Kavallerie war hingegen umstritten.
Mit dem Beginn des Stellungskrieges erinnerte der Frontalltag aber eher an die Gegebenheiten eines Festungskrieges und die technischen Waffen rückten folgerichtig in den Mittelpunkt des Geschehens.
Hans von Gottberg (Männer, Waffen, Strategen. Das große Buch der Soldaten, Stuttgart 1981, S. 142 ff) schreibt: "Die Geschützausstattung der Artillerie war ebenfalls nicht wiederzuerkennen. Die Divisions-Artillerieregimenter (sogenannte Fuß und Feldartillerie) besassen die leichte Feldhaubitze FH 16 (Kaliber 10,5cm, Schußweite 9100 Meter) und die Feldkanone 96/16 (Kaliber 7,5 cm/ Schußweite 11900 Meter). Außerdem gehörten die schweren Feldhaubitzen sFH 13 (Kaliber 15 cm, Schußweite 8500 Meter)zur Divisionsartillerie sowie die 10,5 cm - Kanonen K 17/04 und die 15 cm - Kanonen. Die Regimenter der Heeresartillerie waren mit 12 cm - Mörsern, 18 cm - Haubitzen und Langrohrkanonenbatterien ausgerüstet. Der Heeresartillerie waren auch die riesigen 42 cm - Mörser L/12, bekannt als "Dicke Berta", zugeordnet. Ihre auf 9300 Mter gefeuerten, fast 1000 Kilogramm schweren Steilfeuergeschosse durchschlugen 1,5 Meter dicke Betongewölbe, die Panzerkuppeln der belgischen Sperrforts Lüttich und Namur....".
"... Darüber hinaus gab es noch die weitreichende Eisenbahnartillerie. Hierbei handelte es sich um schwere Langrohrschiffskanonen, die auf spezielle Eisenbahnplattformwagen montiert waren. Das Kaliber betrug 24, 28, 30,5 und 38 cm...".
... Letzteres Geschütz, der sogenannte "Lange Max", verschoß Granaten von 18 Zentner schwere Geschosse über 128 Kilometer in die französische Hauptstadt hineinfeuerten, waren 21 cm-Eisenbahnbettungs-Langrohrkanonen. Die Länge des Rohres betrug 34 Meter. Das Geschoß erreichte beim Schuß auf 128 Kilometer eine Höhe von 40 km!".
Die monatliche Produktion von schweren Geschützen für die deutsche Armee betrug im Jahre 1917 durchschnittlich 400, für die Feldartillerie wurden monatlich im Jahre 3000 Geschütze hergestellt.
Aufgrund des Rohstoffmaterials sanken diese Ziffern aber im Jahre 1918 deutlich. In diesem Jahr verfügte die deutsche Armee über beinahe 18000 Geschütze an allen Fronten.
Diese Zahlen belegen die hervorragende Bedeutung der Artillerie im Weltkrieg.
"Sehr lehrreich ist die Gegenüberstellung des Bestandes an schwerer Artillerie zu Beginn des Krieges und gegen Ende: Zu Beginn des Krieges 48 Regimenter (25 aktive und 23 Reserve mit 105 Bataillonen (382 Batterien); 2 sächsische Reserve-Bataillone mit 8 Batterien; 24 Landwehr-Bataillone mit 96 Batterien; 5 schwere Küsenmörser-Batatterien, 3 kurze Marinekanonen-Baterien; 22 Landsturm-Fußartillerie-Bataillone und 48 überplanmäßige Batterien für Festungen...".
"... Gegen Ende des Krieges gab es 62 Regimenter mit 190 Bataillonen(570 Batterien), 231 selbständige Bataillone (699 Batterien), 7 kurze Marinekanonen-Batterien, 8 schwere Küstenmörser-Batterien, 5 schwere 15-Zentimeter-Kanonen-Batterien, 50 mobile Landsturm--Batterien.
In den Bataillonen waren zum teil auch ganz schwere weittragende Geschütze eingegliedert, die der Marineartillerie angehörten. Die Zahl der mobilen Fußartillerie-Batterien beim Feldheere belief sich zu Beginn des Krieges auf 148, zu Ende auf 1575".
Otto Bleck u. A., Das deutsche Wehrwesen in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1935, S. 195.
In seiner Regimentsgeschichte des Kgl. Preuß. Feld-Artillerie-Regiments Nr. 92 äußert sich der Autor (Freyer, Berlin 1930) zur Entwicklung des Einsatzes der Artillerie im Stellungskrieg wie folgt: "Die Art des Stellungskrieges erforderte neue Maßnahmen. Es bildete sich allmählich das Planschießen, das Schießen nach eingeschossenen Punkten, das Sperr-, Vernichtungs-, Störungsfeuer aus. Seiten- und Höhenrichtungen nach allen markanten Punkten wurden festgelegt und ein umfassendes Fernsprechnetz ausgebaut. Insbesondere das Sperrfeuer, welches später eine so außerordentliche Rolle spielen sollte, wurde im Laufe der Zeit bis zu einer wahren Kunst ausgebildet, besonders nach der Einführung des Verfahrens zur Ausschaltung der Tageseinflüsse" (S. 55).
In dem vorgenannten Werk finden sich zur Munition und Gerät im Wandel des Krieges folgende Ausführungen: "Die vorzügliche Munition, welche im Frieden für den Kriegsbedarf hergestellt war, war leider bereits nach den ersten Monaten des Weltkrieges verbraucht, da niemand mit dem sich schnell ins Riesenhafte steigenden Verbrauch gerechnet hatte. Da die Industrie auf die Herstellung großer Munitionsmengen zunächst nicht genügend vorbereitet war, wurde etwa im Oktober 1914 eine Behelfsmunition, eine Grauguß-Granate hergestellt - die sogenannte "rote Munition". Diese war unzuverlässig., da die Geschosse, infolge des großen Gewichts-Unterschiedes, außergewöhnlich große Streuungen hatten. Die Geschoßwirkung war mangelhaft. Ein kleiner Trost dabei war, dass die Franzosen unter denselben Schwierigkeiten zu leiden hatten. Unter ihrer Munition traten zu unserer großen Freude außerordentlich viele Blindgänger auf. Auch die in den belgischen Festungen eroberte und von uns verschossene Munition war vielfach im höchsten Grade mangelhaft....".
"... Im weiteren Verlauf des Krieges wurde unsere Munition besser, insbesondere als Lang-Granaten und empfindliche Zünder an die Front kamen. Das immerhin komplizierte Schrapnell-Brennzünder-Schießen musste immer mehr dem einfacheren Aufschlag-Schießen weichen. Bereits gegen Ende 1914 wurden die Franzosen von Amerika mit vorzüglichen Stahlgranaten mit starker Brisanzladung versorgt, die uns viele Verluste verursachten. Hervorragend waren trotz zunehmender Schwierigkeit in der Rohmaterialversorgung unsere Geschütze, sie hielten eine ungeheure Beanspruchung aus. Geschütze, aus denen schon über 10000 Schuss verfeuert waren, schossen noch mit anerkennenswerter Genauigkeit. Auch die späteren Verlauf des Krieges hergestellten Geschütze waren von verhältnismäßig hoher Güte, auch wenn sie schmuckloser hergestellt waren und nicht mehr die dem Artilleristen vertrauten Inschriften trugen: Pro gloria et patria - Ultima ratio regis" (S. 117).
Über die (artilleristischen) Vorbereitungen der sogenannten Kaiserschlacht am 21.03.1918 ist bei Martin Middelbrook (Der 21. März 1918. Die Kaiserschlacht, Frankfurt a. M. 1979, S. 82) ist zu lesen: ""Auf dem Weg an die Front fielen mir die zahlreichen gut getarnten Munitionsstapel auf. Unter jedem Busch und im offenen Gelände lag Munition jeden Kalibers in großen Mengen. Noch war kein einziges Geschütz zu sehen. Stattdessen stecken kleine gelbe Holzpflöcke im Boden. Es waren Hunderte. .... Je zwei davon bezeichneten die Geschützräder, und ein größerer Pfahl dahinter den Sporn. Jede Geschützstellung war genau vermessen" (Leutnant Kurt Fischer, 464. Infanterie-Regiment).
Die dramatische Wirkungen des Artilleriekampfes um das Fort Douaumont im Mai des Jahres 1916 beschreibt Paul Eittighofer in seinem bekannten Buch: Verdun (Wiesbaden und München 1976, S. 182 ff.): "Es schießt die französische Artillerie Schnellfeuer aus allen Rohren und legt einen Sperrfeuergürtel. Es schießt ebenfalls die deutsche Artillerie aus allen Rohren und legt einen Sperrfeuergürtel. Niemand kann unterscheiden, welche Artillerie schießt und welche Granaten an dieser oder jener Stelle niederprasseln. Es ist ja auch einerlei, und in diesem Chaos von Titanenlärm und Vernichtungswillen ist es den Männern, die das Entsetzliche aushalten, ja, aushalten müssen, völlig gleich, ob sie von einer deutschen oder einer französischen Granate getroffen und zerrissen werden. Bei ihnen hat jedes Denken und Empfinden ausgesetzt. Auf dem Sargdeckel tanzen die Flammen, wirbeln die Explosionen der Granaten aller Kaliber aus deutschen und französischen Rohren, wirbeln Dreckfontänen empor. Die Hölle um Verdun ist wieder da in ihrer ganzen Furchtbarkeit. Es ist ein Totentanz zum Irrsinnigwerden. Unter dieser Glocke von rasenden Explosionen, von Splittersurren und Kugelzischen, Maschinengewehrbellen und Menschengeschrei liegen und handeln die kämpfenden Männer beider Nationen ganz mechanisch, und in ihren Seelen leuchtet nur hin und wieder ein Gedanke: "O Mutter, warum hast Du mich geboren, dass ich solches miterleben muss?"
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