Die fürstbischöfliche Zeit im Zeichen des Absolutismus (1661 – 1802). 2. Teil Das 18. Jahrhundert.
Der Bestand an Truppen im 18. Jahrhundert im Wandel.
In der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts zählte die fürstbischöfliche Armee 7 Infanterie-Regimenter, 1 Landregiment, 2 Kavallerie-Regimenter und 1 Artillerie-Abteilung. Ein Infanterie-Regiment zählte regelmäßig 8 Kompanien mit einer jeweiligen Stärke von ca. 50 Mann.
Das Landregiment soll 10 Kompanien umfasst haben. Ein Kavallerie-Regiment hatte nur 6 Kompanien mit einer jeweiligen Stärke von ca. 40 Mann. Davon war aber nur ein kleiner Teil beritten.
Die Artillerie-Abteilung hatte nur ca. 100 Mann. Die Gesamtstärke der bewaffneten Macht zählte im Frieden etwa 3800 – 4000 Mann. Die Kriegsstärke war etwa doppelt so stark.
Nach dem Siebenjährigen Krieg wurde nicht nur die Stadt Münster entfestigt, sondern auch die Anzahl der Formationen auf 4 Infanterie-Regimenter und 1 Kavallerie-Regiment - unter gleichzeitiger Verminderung der Artillerie - reduziert. Das Landregiment war schon vorher eingegangen.
Die nach der vorgenannten Reduzierung verbliebenen Regimenter finden wir auf der Grundlage von Subsidienverträgen (z. B. mit den Holländern, noch 1793) auf unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen. Ferner waren militärische Reichsverpflichtungen zu erfüllen[1]. Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1744) praktizierte das Fürstbistum Münster eine bewaffnete Neutralität.
Im Siebenjährigen Krieg (1756 – 63) fochten münsterische Truppen (gegen Preußen) mit wenig Erfolg, so wurden z. B. zwei Regimenter am 01.04.1759 bei Meiningen im Winterquartier überrumpelt und gefangen genommen.
Der letzte Einsatz münsterischer Truppen sah diese als Teil einer sogenannten Reichsexekutionsarmee zu Gunsten des von seinen Untertanen vertriebenen Lütticher Fürstbischofs im Jahre 1789.
[1] 1681 hatte Münster 787 Mann zu Fuß und 384 Mann zu Pferde vorzuhalten.
Die münsterischen Regimenter 1767–1803.
Nach dem Siebenjährigen Krieg wurde das münsterische Heer drastisch verkleinert.
Aus der bisherigen Organisation mit sieben Infanterie- und zwei Kavallerieregimentern wurde nach 1767 eine wesentlich kleinere Armee. Diese umfasste nun:
4 Infanterieregimenter und
1 Dragonerregiment sowie
Artillerie.
Das Landregiment war bereits vorher weggefallen.
Der rechnerische Friedensetat lag bei ungefähr 2.300 Mann, wobei die Verbände im Frieden etwa zur Hälfte gekadert waren.
Übersicht über die vier Infanterieregimenter:
Regimentsnummer | Name um 1767/1780er | späterer Name | Bedeutung 1802 |
Nr. 1 | von Stael | von Dincklage | noch vorhanden |
Nr. 2 | Schultz / Wenge | von Wenge | in der Formationsgeschichte aufgegangen bzw. 1802 nicht mehr als selbständiges Regiment vorhanden |
Nr. 6 | Schaumburg-Lippe | wechselnde Inhaber | 1802 nicht mehr selbständig vorhanden |
Nr. 7 | Wartensleben | von Tönnemann | noch vorhanden |
Bei der Musterung Ende Mai 1785 betrug die Ist-Stärke der vorgenannten vier Infanterieregimenter zusammen 1.377 Mann. Das entsprach 94 % der Sollstärke.
Das widerlegt bereits eine mögliche Vorstellung, die Armee sei nach dem Siebenjährigen Krieg praktisch nur noch eine Ansammlung von Restbeständen gewesen.
Aber: Die Personalfluktuation war enorm, und zwar:
Zwischen Mai 1785 und Mai 1786n schieden 573 Soldaten = 42 % aus, gleichzeitig wurden aber 672 Freiwillige angeworben. Bei der nächsten Musterung waren davon nur noch 594 tatsächlich im Dienst, darunter 236 Ausländer = 40 %. 69 der neu Geworbenen waren bereits desertiert. Noch ein Jahr später waren von den im ersten Jahr angeworbenen Freiwilligen nur noch 491 = 73 % vorhanden.
Das Problem war demnach nicht unbedingt, Soldaten überhaupt zu bekommen, sondern sie dauerhaft im Dienst zu halten.
Diese kleine Armee war aber nicht billig. Im ersten Werbejahr bis Mai 1786 wurden insgesamt 9.539 Reichstaler aufgewendet, darunter 1.600 Taler Vorschuss an die Regimenter.
Die 1786 ausgeschriebenen Werbegelder brachten 22.159⅓ Reichstaler.
Bis Dezember 1788 waren aber bereits 27.408 Reichstaler 22 Schilling 8 Pfennig aus der Werbekasse ausgegeben worden.
Zusätzlich mussten die Landstände erneut Gelder bewilligen.
Zur Sozialstruktur des münsterischen Militärs.
Zur Herkunft und sozialen Zusammensetzung des münsterischen Militärs ist in der Magisterarbeit von Thomas Diembach zum Militär des Hochstifts Münster im Zeitalter des Absolutismus das Nachfolgende zu lesen: "Da sich die Mannschaft aus Deserteuren und aus Leuten, die in anderen Erwerbszweigen nicht unterkommen konnten, zusammensetzte und außerdem sehr schlecht bezahlt wurde, galten die einfachen Soldaten in der bürgerlichen Gesellschaft der Stadt als Gesindel. Bis zur Fürstenbergschen Reform hatte das münsterische Militär wohl auch so etwas wie einen Strafanstaltscharakter, da ein zur Zuchthausstrafe Verurteilter bei Bedarf auch unter die Soldaten gesteckt werden konnte. Es ist zu vermuten, dass sich das Ansehen der einfachen Soldaten nach Einführung der Losung besserte, da das Heer nun im Wesentlichen aus der einheimischen Landbevölkerung bestand. Das Recht der verabschiedeten Soldaten lbenslang ihre alte Regimentsuniform zu tragen, weist darauf hin".
Zur Situation des münsterischen Militärs im Jahr 1802.
Am Ende des Fürstbistums war die Armee nochmals erheblich kleiner.
Es existierten zu diesem Zeitpunkt nur noch:
Infanterieregiment von Dincklage Nr. 1
Infanterieregiment von Tönnemann Nr. 7
Dragonerregiment von Nagel Nr. 1
Artillerie.
Für 1802 werden folgende effektive Bestände angegeben:
Truppengattung | effektiver Bestand |
Infanterie | 1.401 |
Dragoner | 328 |
Artillerie | 49 |
zusammen | 1.778 |
Je nach Zählweise werden 1.399 Infanteristen, 326 Dragoner und 47 Artilleristen angegeben. Die Differenz erklärt sich aus der verwendeten Zählweise bzw. dem jeweiligen Bestand.
Bewertungen.
Nach Jutta Nowosadtko (Stehendes Heer im Ständestaat. Das Zusammenleben von Militär- und Zivilbevölkerung im Fürstbistum Münster 1650–1803, 2011) war das münstersche Militär war keine „Operettenarmee“. Das ist vermutlich ihre wichtigste militärhistorische These.
Die ältere Forschung hatte das Militär kleiner geistlicher Territorien häufig als militärisch unbedeutend betrachtet. Nowosadtko wendet sich ausdrücklich gegen dieses Bild. Sie zeigt, dass sich das münsterische Heer als moderne Armee seiner Zeit präsentieren konnte und seine militärischen Fähigkeiten auch außerhalb des Hochstifts anerkannt wurden.
Insoweit bedeutete die Reduzierung der Truppenstärke nach 1763 nicht automatisch eine qualitative „Verlotterung“ der Armee. Quantitative Schwäche und militärische Leistungsfähigkeit müssen demnach getrennt betrachtet werden.
Die vorgenannte Autorin beschreibt das Militär nicht als eine Institution, die einer zivilen Stadt gegenübersteht. Vielmehr waren Militär und Gesellschaft waren eng miteinander verflochten. Das Militär war also kein Fremdkörper in Münster, sondern ein Bestandteil der städtischen Gesellschaft.
Empfohlene Beiträge
Heeressoziologie
Zur militärischen Erinnerungskultur in Münster nach 1918
Als die münsterischen Regimenter schließlich 1918 bzw. 1919 in die heimatliche Garnison zurückkehren und beinahe vollständig aufgelöst werden, versinkt das Deutsche Reich in revolutionäre Wirren. Vor der Kulisse der Weimarer Republik beginnt die Aufarbeitung der militärischen Niederlage, die angeblich keine war („Dolchstoßlegende“), es entwickeln sich der Mythos des Frontsoldaten und eine Kultur des Erinnerns und Gedenkens.
Kriegsgeschichte
Die Preußen kommen - Die erste Inbesitznahme Münsters durch die Preußen (1802 – 1806)
Die territoriale Situation Westfalens um die Jahrhundertwende (1800) beschreibt Kochendörffer wie folgt: "Betrachten wir eine historische Karte von Westfalen aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts, so fällt das bunte Gemisch der Länder auf, aus denen die heutige Provinz Westfalens zusammengesetzt ist und die in der Mehrzahl staatsrechtlich scharf voneinander getrennt waren: da sind die beiden geistlichen Fürstentümer Münster und Paderborn, die vor allem Westfalen das Gepräge gaben, jenes in der Hauptsache den heutigen Regierungsbezirk Münster bildend, mit dem preußischen Ostfriesland reichend, Paderborn im Osten, während des 17. und 18. Jahrhunderts mehrfach, aber nur durch die Person des gemeinschaftlichen Bischofs mit Münster verbunden, dann die preußischen "Provinzen" Mark, Minden und Ravensberg, Tecklenburg und Lingen, zum Teil räumlich von einander getrennt, auch weit entfernt von den Hauptländern der preußischen Monarchie und von deren Politik immer nur als Außenposten, als Kompensationsobjekte gewertet, ferner der kurkölnische Besitz, das Herzogtum Westfalen und Vest Recklinghausen, weiter nach Süden Siegen und die Wittgensteinischen Grafschaften, damals noch nicht zu Westfalen gehörig, und in diese kompakten Territorien eingesprengt Grafschaften z. B. Steinfurt, Rietberg, Gemen, Limburg, Dortmund, Herford, während von Norden sich wie ein Keil zwischen die preußischen Provinzen und das münsterische Ober- und Niederstift das stammverwandte Osnabrück einzwängte ...." (S. 98/99).
Uniformierung & Ausrüstung
2. Westfälisches Feldartillerie-Regiment Nr. 22
Zur ständigen Besatzung der Garnison Münster gehörte auch das 2. Westfälische Feldartillerie-Regiment Nr. 22.